Vom Wesen des Atems

Vom Wesen des Atems

Dieter: Wie siehst Du die Atemarbeit heute und was geschieht dabei? Um was geht es Dir bei der Arbeit mir dem Atem ganz besonders?

Herta: Es geht mir immer mehr um die Erfahrung des Wesentlichen.

D. Und was ist das Wesentliche ? Woran erkennt man es?

H. Was ist das Wesen des Menschen? Vielleicht das Allereigenste, das, wie Gott ihn gewollt hat. Es heißt: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ Das kann nur das Wesen des Menschen meinen, seine eigenste Wahrheit.

D. Aber wie und wo kann man diese erkennen?

H. Manchmal in einer Gebärde, in einem Ausdruck des Gesichts, in einem Wort. Immer, wenn es sich zu zeigen wagt, im Atem des Menschen. Manchmal dauert es lange, bedarf vieler Übung, bis der Weg frei wird in die Wesenstiefe. Die meisten Menschen leben, ob sie es wollen oder nicht, sehr an der Oberfläche. Es ist nicht ihr eigenes, wahres Leben, nicht ihre „Erste Natur“, sondern ein angelerntes oder aufgezwungenes Leben, und sie wissen nichts von ihrem wahren Wesen. Sie sind nicht wirklich sie selber. Da denke ich an einen Spruch des persischen Dichters Rumi: „Um von da fort zu kommen, wo du nicht bist und da hinzugehen, wo du bist, bedarf es eines Weges, der keine Ekstase kennt.“ Das heißt, es bedarf eines Weges der Arbeit an sich selbst, der nach innen führt.

Diesen Arbeitsweg schauen wir beim Behandeln an und stellen uns ihm. Es wird dabei deutlich: In der wirklichen Begegnung zwischen Ich und Du kann der Mensch sich in seiner Tiefe öffnen. Nur so geschieht ja Begegnung. Aufgabe und Weg der gemeinsamen Arbeit werden damit spürbar: Wie muss mein Berühren sein, dass es einlädt, zu fühlen und sich zu öffnen? Wie tief muss ich fragen, um den Wesenskern erreichen zu können, aus dem allein sich Wandlung vollzieht?

Wandlung ist ja nichts Machbares. Wenn Fühlen und Sich-Öffnen erlaubt werden, wird der Mensch achtsam. Er lauscht. Dieses Lauschen öffnet eine Tür.

Deine Frage ging nach dem Wesentlichen in der Atembehandlung. Das Ziel ist es, zu diesem Wesenskern, der in jedem Menschen ist, achtsam und liebevoll vorzudringen. Das Festgehaltene, Verstellte, Gewollte, Ehrgeizige, sie fallen ab. Der Atem findet sein ihm gemäßes Flussbett, ist entweder still und ruhig oder sprudelnd, wie ein frischer Quell. So wie er aus dem Grund des Seins des Behandelten aufsteigt, so weiß die Berührende unmittelbar, hier sind wir am Wesen, an dem Eigentlichen dieses Menschen. Das erfordert Arbeit an der Bewusstheit. Der Atem kann nur frei werden und sich in das Miteinander hinein geben, wenn dieser Prozess ins Bewusstsein gelangt. Nun ist die Bahn frei für ein Zusammenschwingen von Körper und Seele.

Wenn es soweit ist, beginnt die Reise zu dem Wesentlichen der Begegnung. Der Begegnung des Behandelten mit sich selbst. Der Behandler hat dabei vielleicht eine Art von katalysatorischer Funktion.

D: Was meinst Du mit dem Begriff „Seele“, wenn Du von Körper und Seele sprichst?

H. Die Seele ist immer da, unzerstörbar. Sie senkt sich im ersten Atemzug in den Menschen hinein und verlässt ihn beim letzten. Sie ist der lebendige Funken. Sie verleiht dem Menschen sein Wesen. Dieses ist dann wandelbar durch die Prägungen und Erfahrungen während des Lebensweges. Aber es ist immer aufgehoben in seiner Seele. Die Seele inkarniert und setzt sich damit den menschlichen Bedingtheiten aus.

Hier setzt auch unsere Arbeit mit dem Atem an. Wenn der Atem verbunden bleibt mit der Schwingung der Seele, wird das Wesen des Menschen in Harmonie mit ihr sein: Der Mensch ist in Einheit mit sich, er lebt sein „wahres Wesen“.